Ist doch selbstverständlich, oder?

So. Mal ein kurzer Gedanke, der mir seit Wochen im Kopf herumspukt und irgendwie mal raus muss. Es geht um Teamwork, um Erwartungen, um Mitarbeit, Genauigkeit und vielleicht noch mehr.

Nautische Fachbegriffe

Am Tag der offenen Tür von unserem hiesigen Ruderverein habe ich das Rudern einmal ausprobiert. Mit mir waren viele alte Hasen dort, die die Aufteilungen auf die Boote vorgenommen und Hilfestellungen gegeben haben. Zusätzlich waren natürlich viele Grünhörner, wie ich dabei. Weder von Tuten noch von Blasen eine Ahnung. Dass beim Rudern nautische Begriffe vorherrschen, ist klar. Backbord und Steuerbord kennt man, ebenso wie Bug und Heck. Allerdings fangen hier schon die ersten Verwirrungen an. Denn selbst, wenn man weiß, dass Steuerbord rechts und Backbord links ist, muss man beim Rudern umdenken, denn man sitzt mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Dazu kommen noch die Farben ROT und GRÜN, die jeweils einer Seite zugeordnet sind (Rot = Backbord, Grün = Steuerbord).

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STEUERn zahlt man von RECHTS wegen.

„Back“ enthält ein „k“ wie „links“; „Steuer“ ein „r“ wie „rechts“

Nach und nach lernte ich dann auch, dass die Paddel keine Ruder sind, sondern Skulls. Diese werden in die Dollen eingelegt und gesichert. Desweiteren gibt es natürlich noch jede Menge Befehle und besondere Namen für einzelne Bootsteile oder Manöver.

Es geht natürlich auch alles ohne gute Kenntnisse der nautischen Termini, denn beim Rudern geht es doch eher gemächlich zu. Nichts desto trotz liegt hier bereits ein Grundstein für die spätere Erkenntnis. Denn allgemein gilt, dass es mehr Konzentration erfordert, wenn man sich in neuer Umgebung und unter unbekannten Menschen befindet.

Immerhin fand das ganze in einer mir mächtigen Sprache statt: Deutsch. Hätten wir uns auf englisch unterhalten, ich wäre sicherlich noch deutlich angespannter gewesen.

Rudern

Das Rudern selbst ist wie bereits erwähnt eher gemächlich. Aber auch hier lernt man etwas sofort: Alle Ruderer müssen möglichst gleichmäßig rudern. Und noch etwas habe ich gelernt: Rudern ist schwerer, als es aussieht. Es gehört schon einiges an Erfahrung dazu, gleichmäßig und richtig zu rudern. Und noch eine Dritte Erkenntnis gleich hinten dran: Der Steuermann hat das Kommando und nach ihm müssen sich alle richten. Allerdings gibt es noch eine zweite Person, nach der sich alle anderen richten müssen, nämlich der Schlagmann. Er (oder sie! – ist aber klar, oder?) sitzt direkt vor dem Steuermann und gibt den Rhythmus und das Tempo vor. Wenn der Schlagmann „nicht funktioniert“, also Fehler macht, ungleichmäßig rudert oder ein Tempo fährt, dass die anderen nicht mithalten können, dann gibt’s Probleme. Wie im richtigen Leben können gute und Erfahrene Ruderer das in einem gewissen Rahmen ausgleichen. Wenn es häufiger vorkommt, dass der Schlagmann Fehler macht, dann kommt schnell Unmut auf. Genauso ist es aber auch nervig, wenn ein anderer aus dem Team nicht ordentlich dabei ist und Fehler macht.2016-09-07_22-23-41

Nun ist das alles natürlich kein Wettkampf und der Weg ist das Ziel. Trotzdem wird hier schon klar, dass es wichtig ist, mit wem man rudert. Es ist nicht schlau, bzw. eher nervend, wenn Leute mit unterschiedlicher Kraft, anderer Ausdauer und verschiedenen Intentionen im Boot sitzen. Einmal macht es nichts. Zweimal auch nicht. Aber je öfter man selbst zurückstecken oder sich zu sehr „verstellen“ muss, desto unzufriedener ist man. Leuchtet ein. Allerdings erst, wenn man sich bewusst ist, dass man unterschiedliche Interessen oder Ziele haben kann.

Aufräumen

Lustiger Weise habe ich bereits viele Erkenntnisse aufgeschrieben, obwohl die, weswegen ich mich ursprünglich an den PC gesetzt hatte, erst jetzt kommt… Das ist übrigens einer der Gründe, weswegen ich nach wie vor Jahre lang, SAP Tipps & Tricks kostenlos, gratis und unentgeltlich ins WWW posaune: Die erneute Aufbereitung eines Problems hilft mir enorm, das Problem wirklich zu verstehen. Es ergeben sich in der Aufbereitung einer Lösung immer viele Aspekte, die ich zuvor gar nicht wahr genommen hatte. Aber ich schweife ab…

Nach dem Rudern wird das Boot „abgebaut“ (Skulls, Sitze und Ruder raus) und mit Allemann aus dem Wasser gehoben. Es wird ein Stück vom Steg weg und zum Bootshaus hin getragen. Hier wird ebenfalls deutlich, dass alle zusammen funktionieren müssen. Das Boot wird gedreht (Kommando: „Offene Seite zum Wasser!“) und auf Böcke gelegt. Danach wird es vom Steuermann abgewaschen während der Rest der Mannschaft die Bootsausrüstung vom Steg holt.

img_6070Und jetzt endlich kommt der Teil, den ich eigentlich erzählen wollte. Ich hatte gar nicht vor, so lange herum zu palavern, aber es gehört zu der Geschichte dazu. Also: Nachdem das Boot gewaschen und getrocknet wurde, wird es wieder von vielen angehoben (Kommando: „Ans Boot!“, ins Bootshaus bugsiert (clever mal eben aus dem Handgelenk einen nautischen Begriff eingeflochten…) und dort in ein Regal gelegt.

Nun ist es so, dass ein Boot einigermaßen schwer ist. Es ist mit vier Mann zu tragen, aber wenn es dann in ein Fach soll, das in Hüfthöhe ist, dann braucht man schon einigermaßen Kraft. Wir waren in dem Fall nicht vier sondern, ich glaube etwa acht Leute, die das Boot ins Bootshaus bringen sollten. Und jetzt, jetzt kommt endlich meine Erfahrung, aus der ich einige Erkenntnisse mitgenommen habe: Das Bootshaus hat zwei Eingänge. Wenn man in einen Eingang rein kommt, dann kann man das Boot links oder rechts ablegen. Einer hatte das Kommando. Ihm war klar, wo das Boot hin sollte. Uns anderen Newbies allerdings nicht. Also sind ein paar von uns Neulingen eher schlecht als recht mit dem Boot mitgestolpert. Denn wir wussten nicht, ob es nun nach links oder nach rechts ging. Dementsprechend wackelig war die ganze Angelegenheit. Entsprechend nervöser wurde derjenige, der das Kommando hatte. Als dann einige auch nicht kapierten in welches Fach das Boot muss (es hatte ja keiner gesagt; Ziel war, das Boot ins Bootshaus zu bekommen), wurden die Befehle und Anweisungen lauter und ungeduldiger. Und je länger alles dauerte, desto mehr schwanden die Kräfte und umso weniger funktionierte. Okay, das war jetzt etwas übertrieben. So schlimm war es nicht. Aber es wurde deutlich, dass wie schnell und „einfach“ sich Unzufriedenheit ausbreitet. Ich war genervt, weil ich angebrüllt wurde, andere waren nicht mehr so gut gelaubt, weil das Boot immer schwerer wurde und der Kommandant war mies gelaunt, weil eine so einfache Sache wie ein Boot ins Fach zu legen, so schwierig geworden war.

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Ich weiß gar nicht, warum ich in dieser Situation so „empfindlich“ reagiert habe, bzw. warum mir das so in Gedanken geblieben ist. Aber wahrscheinlich, weil solche Situationen im wahren Leben, in der Arbeitswelt, in der Beziehung, in der Erziehung alltäglich ist. Man ist dann schlecht drauf, obwohl gar nicht Schlimmes passiert ist.

Es wirkt sich aber recht stark aus, wenn Ziele unklar sind oder wenn die Richtung zwar bekannt ist, jedoch jeder eine andere Vorstellung vom Ziel hat. Es ist wichtig, dass jeder, der in solch ein System eingebunden ist, ein gewisses Level haben muss. Wenn Gefahr droht, muss ich als Ausbilder wissen, dass ich noch so oft rufen kann: „Pass auf Steuerbord auf!!!!“, wenn der Frischling diese Begriffe noch nicht verinnerlicht hat. Auf der anderen Seite muss der Ausbilder natürlich – in diesem Fall – in nautischen Begriffen sprechen und erklären, damit man sich an die Begriffe gewöhnen kann. Genau dieses Wissen: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten hat der jeweils andere wird jedoch häufig nicht berücksichtigt. Das kennt jeder aus dem (Arbeits-) Alltag:

  • Der Finanzbuchhalter erklärt in betriebswirtschaftlichen Ausschweifungen, warum ein Wert falsch ist, der Programmierer erklärt mit Hilfe von technischen Tabellennamen, warum der Wert richtig ist.
  • Der Chef erklärt eindringlich aber sachlich, dass eine bestimmte Aufgabe schnell erledigt werden muss (nämlich bis Donnerstag Abend, weil am Freitag die wichtige Präsentation ist), der Ausführende denkt aber, dass es bis Montag Zeit hat, denn der Chef weiß ja, dass er morgen Urlaub hat. Weder bringt aber der Ausführende den Zusammenhang zwischen Aufgabe und Präsentation her, noch erinnert sich der Chef daran, dass ausgerechnet morgen der Urlaubstag ist.
  • Der Vater schreit das Kind an, weil es immer noch nicht schläft, das Kind kann aber nicht schlafen, weil der Vater im Streit gesagt hat, dass er auszieht.

Psychologisch gibt es hier glaube ich die verschiedensten Erklärungsmodelle. Es ist ein interessantes Thema. Finde ich jedenfalls. Aber man muss sich gar nicht tiefgründig mit Psychologie befassen, um zu verstehen, dass man vielleicht öfters mal in die Schuhe des anderen schlüpfen sollte. Auf jeden Fall sind klare Vorgaben das Wichtigste. Danach kommt das Verständnis darüber, ob die Vorgaben wirklich so klar sind und welcher Weg dorthin der beste ist.

So. Es ist spät und ich hoffe, ich habe nicht zu viel wirres Zeug geredet. Ich freue mich über eure Meinungen und Erfahrungen!

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Enno Wulff
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