Launige Betrachtung zum Unicode

Wenn man wie ich die 40 überschritten hat, denkt man über manche Dinge in besonderer Weise nach.

Zum Beispiel über die Rechtschreibreform – einer Kapitulation vor den eher schlichten Gemütern, die nicht begreifen wollten, daß (pardon: dass) man „Katastrophe“ mit ph und „doof“ mit f schreibt.

Delphine und Naßzellen gehören der Vergangenheit an, umfangreiche Arbeiten sind jetzt „aufwändig“, Grundfeste („ss“ nicht am Silbenende; trenne nie „st“, denn es tut ihm weh) wurden erschüttert.

Nur mit einem Quäntchen Glück kommt man mit 0 Fehlern durch.

1 + 1 = 3?

Die Angst ging in dieser Generation um. Ob sie wohl als nächstes an das kleine Einmaleins rangehen? 1 + 1 = 3, nur eine Frage der Zeit? Na ja, diese Kuh scheint vorerst vom Eis zu sein.
(„1 + 1 ? Hä? Alder, meine iPhone isse schneller als deine Kopf.“)

Doch jetzt: Mit aller Macht kommt er, der Unicode.

Vorbei sind die Zeiten „… and a byte is still a byte„. Unvorstellbar für die ältere Generation der Datenverarbeiter, die in Zeiten von Lochstreifen und Lochkarte das Bit quasi noch hautnah fühlen konnten. Entweder als zusätzlich gestanztes Loch in einer Lochkarte (Datenfehler), als wieder zugeklebtes Loch in einem Lochstreifen (Tippfehler) oder zumindest als Konfettibestandteil im Haar beim Studentenfasching.

Ziel des Unicode ist es, für jedes Sinn tragende Schriftzeichen aller bekannten Schriftkulturen einen digitalen Code festzulegen.

Na, da freue ich mich aber für Japaner und Chinesen, die den Halbsatz „Der vom Tautropfen der Lotusblüte benetzte Strahl der Morgensonne“ ja unbedingt in 3 Byte unterbringen müssen. Oder für die alten Ugariter, die es seit mehr als 3.000 Jahren nicht mehr gibt.

Kamasutra

Gleichsam beruhigt es mich ungemein, dass seit März 2005 auch die Kharoshthi-Schrift aus dem antiken Indien unicode-fähig ist. Damit kann man jetzt wohl das Kamasutra in Originalversion über Dateischnittstelle einlesen. Hauptsache es gibt keinen Kurzdump. („Das Programm ist auf eine Stellung gestoßen, die nicht durch eine Ausnahme behandelt werden kann.“)

Ein historischer Meilenstein wurde im Oktober 2010 erreicht: Japanische Emoticons (Emoji) sind codierbar. (Kein Witz!)
Die Unicode-Kenner schnalzen kollektiv mit der Zunge.

Oder Musiknoten, seit März 2001 möglich. Super, dann braucht man sich den Scheiß nicht mehr anzuhören, sondern kann gleich die Noten einlesen.

Hat eigentlich schon mal jemand daran gedacht, das deutsche Steuerrecht incl. aller Zusätze und Novellen in phönizischer Schrift darzustellen? Nicht? Wie? Ach so, macht keinen Sinn. Aha.

Einigermaßen lustig ist, dass die Hauptkritik am Unicode aus dem ostasiatischen Raum zu vernehmen ist. Obwohl gerade dort diejenigen Sprachen beheimatet sind, die gern als Begründung für die Notwendigkeit eines Unicode benutzt werden. Menschenskinder, dabei hätte es sich doch jeder von uns an fünf Fingern abzählen können, dass die Jungs Schwierigkeiten mit der Han-Vereinheitlichung haben werden, nicht wahr?

„Liebe japanische Kollegen, wir brauchen nicht mehr auf englisch zu kommunizieren, Ihr könnt Eure Daten jetzt auf japanisch schicken. Verstehen wir zwar nicht, können wir aber einlesen.“

„Ja, Frau Lehmann, wir brauchen Ihre 30 monatlichen Datensätze für die Verbuchung jetzt im Unicode ISO 10646. Wir müssen sicherstellen, dass die Verbuchung auch die alten Sumerer hingekriegt hätten.“

Word und Unicode

Nach dem Motto „Vorfreude, schönste Freude“ hier noch ein kleines Schmankerl:

Man gebe in einem Word-Text das Wort „Unicode“ ein. Jetzt stelle man den Cursor hinter das „U“ und drückt „Alt+C“. Man sieht den Code für das „U“. (Erneut Alt+C setzt es zurück.)

Man wiederhole die Übung für das „o“ und das „e“. Super!

Wie hieß es doch so schön: Ein bisschen Raten ist halt dabei.

Der Unicode, der Unicode,
der kommt jetzt grade groß in Mod‘.
Wie das Bit auch kommt,
wie das Byte auch fällt,
der Unicode, der hält.

Mannomann! Diese Kanaillen!

PS:

  • Im SAP Online-Service-System (OSS) gibt es (Stand: 15.11.2011) insgesamt 9.386 Hinweise für den Suchbegriff „Unicode“.
  • Im Jahr 2011 sind es 1.009 Hinweise, 145 seit dem 17.10.2011.
  • Der Suchbegriff „Verbuchung“ bringt 9.184 Treffer, „FI-Beleg“ 4.556 Treffer.

Mathias Gebhardt, SAP-Berater

Im November 2011

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